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All posts for the month Oktober, 2017

Heute stand nur eine kurze Etappe an – bis nach Windhoek, knapp 40 Kilometer. Gleich nach vielleicht 1km, noch auf dem Weg von der Lodge zurück zur Hauptstraße, hatte die erste ernstere Panne: ein Haken, der die Packtasche am Gepäckträger festhält, hat sich bei einem Rüttler wohl vom Gestell gelöst und sich in den Speichern verfangen. Gemerkt hab ich das erst, als mit einem Knall das Gummiband gerissen und kurz darauf die Kette runter gesprungen ist. Das Teil hat sich so zwischen Ritzel und Speichen geklemmt, dass der Freilauf blockiert war. Der Haken war ziemlich massiv und mit meinem kleinen Multitool nicht zu bewegen. Zum Glück waren 200m weiter an der Hauptstraße Bauarbeiter mit Hacke zugange, so konnte ich das Hinterrad ausbauen und die haben mir mit der Hacke das Teil vorsichtig aufgebogen, so dass ich es rausfummeln konnte.  Zum Glück nix weiter kaputt gegangen!

Die Straße nach Windhoek rein ist ganz schön hügelig und ich war auch konditionsmäßig nicht wirklich gut drauf (bin ja eh alles andere als ein Bergspezialist…). Der Gepäckträger ratterte immer wieder am Reifen, und obwohl die Steigungen wirklich nicht steil waren, ging mein Puls sofort auf 180. Erst die letzten 10  Kilometer ging’s beständig bergab. 3h hab ich für die ca. 35 km gebraucht, incl. Panne und Cokestop. 

Kaum dass ich in Windhoek an der Pension war, hat’s auch schon zu regnen angefangen. 

Zum Glück hab ich zu der Entscheidung, welche Route ich morgen fahre (Google schlägt zwei vor) noch mal mit der Leopard Lodge (mein morgiges Ziel) telefoniert. Denn eine der beiden Routen (die, die ich ansonsten wohl gefahren wäre, zunächst nach Norden und dann rechts weg) gibt’s nämlich gar nicht!!  

Also muss ich morgen den Berg, den ich runter gefahren bin, wieder rauf. Und weil ich dazu keine Lust habe ( ist an der Bundesstraße lang), lass ich mich bis zur Abzweigung, wo’s auf die Gravel Road geht, mit dem Taxi fahren 😊 – hab ja schließlich Urlaub 😎! 

Damit ich morgen auf den restlichen 50km nicht wieder so abkacke, habe ich eben meine Speicher noch mit Kohlenhydraten aufgefüllt. Die letzten beiden Tage gab’s eigentlich nur Fleisch..  

Während ich tippe, geht draußen ein Regenguß incl. Gewitter runter, wie ihn Namibia wohl schon länger nicht mehr gesehen hat… Gut für mich, denn morgen ist’s bestimmt wieder schön und auf nassem Sand fährt sich’s einfacher!  Selbst wenn der Strom wie an meinem ersten Abend wieder 5h weg sein sollte: ich freue mich mit den Namibiern über den Regen!

Bereits bei meiner allerersten Namibia-Reise 2008 bin ich auf die „Sonnleiten“ aufmerksam geworden.  Eine Wohngemeinschaft bzw. Altersheim auf dem Gelände der Ondekaremba Farm. Ich wollte mir das etwas näher ansehen. Könnte das – für mich als Kinderlose, die also im Alter keine eigene Familie haben würde – eine Alternative zum Alter in Deutschland sein,  wo ich schon jetzt den Winter nicht leiden kann? Wie ist das erst mit 70-80 Jahren, wenn man noch unsicherer auf den Beinen ist, durch Eis und Schnee laufen zu müssen?  

Ein kurzer Spaziergang durch das Ondekaremba Farmland, schon bin ich da, in der Sonnleiten Farm Residence. Der Property Manager – ein weißer Namibier – vertraut mich seinem Mitarbeiter Carlos für eine guided Tour durch das Gelände an. Was mir schon etwas komisch vorkommt ist, dass er mir eindringlich klar macht, das ich Carlos kein Wort glauben solle, wenn es um die zu verkaufenden Immobilien geht. Das wisse nur er selbst.  Erster Minuspunkt: herrisches Gehabe des Weißen gegen den Schwarzen! Carlos zeigt mir die verschiedenen Häuser,  small ones just for one person (die aber neben einer winzigen Wohnung in einem Münchner Altenheim immer noch wie ein Palast anmuten) und die großen mit eigenem Garten und Garage. Eine vielleicht 70-jährige Deutsche, die schon seit 20 Jahren in Namibia ist und seit 7 Jahren in der Sonnleiten wohnt, bittet mich herein, ich solle mich ruhig umsehen und Fotos machen. Sie ist für jede Abwechslung dankbar, wie sie sagt. Sogar die startenden und landenden Flugzeuge des nahen Flughafens mag sie, aus gleichem Grund. Es sei schon recht einsam hier, immer die gleichen Leute, weswegen sie zurück nach Windhoek möchte,  um nach dem Tod ihres Ehemanns wieder mehr Freunde in der Nähe zu haben. 

Unter den Bewohnern scheint es sich schon rumgesprochen zu haben,  dass da eine jüngere Deutsche ist, die sich für die Sonnleiten interessiert… Ein paar mal werde ich direkt angesprochen. Alle Bewohner, die ich getroffen haben, sprechen Deutsch. Mit Carlos unterhalten sie sich vielfach auf Afrikaans, einem Dialekt der niederländischen Buuren, die in Südafrika und Namibia gesiedelt haben. 

Es gibt eine Krankenstation (mit Preisliste für die möglichen Behandlungen), ein Restaurant für diejenigen, die nicht mehr selbst kochen können oder wollen,  eine Bibliothek, Pool und Gym sowie einen Wellnessraum, wo 1x pro Woche ein Friseur und Nagelstudio ihre Dienste anbieten. Zum Einkaufen muss man allerdings ins 30km entfernte Windhoek fahren,  noch nicht mal einen kleinen Laden gibt es. 

Die Anlage ist mit einem stromführenden Zaun umgeben und wird Tag und Nacht von Wachpersonal beaufsichtigt. Auf den nahe gelegenen Berg zu wandern (von welchem man bestimmt eine super Aussicht hätte) geht leider nicht. Der gehört zur benachbarten Farm, ist umzäunt – kein Zutritt. Leben im komfortablen Gefängnis?  Freigang ja, jederzeit,  aber nur auf dem eigenen, weitläufigen Gelände…

Viele Gedanken schießen mir auf dem Spaziergang zurück nach Ondekaremba durch den Kopf. Will ich wirklich so leben im Alter?  Was sind die Alternativen? In München in einer Mini-Wohnung leben?  Oder in Deutschland auf dem Land, wahrscheinlich weniger beengt als in der Stadt, dafür auch weniger Möglichkeiten, sich die Zeit zu vertreiben und das gleiche halbe Jahr Winter wie in der Stadt?  Oder doch gleich ganz weg?? 

Zum Glück bleibt mir noch genug Zeit bis dahin. Und ich fühle mich glücklich, dass ich wenn es soweit ist, zumindest die Möglichkeit haben werde, überhaupt zwischen verschiedenen Möglichkeiten zu wählen. 

Fast zwei Jahre, dass ich nicht in Afrika war… Geht ja gar nicht!  Jetzt bin ich endlich zurück. Habe so gut wie kein Reisegepäck dabei – nur Kameraequipment und mein Radl – und freue mich auf zwei erholsame Wochen. Ich werde nicht, wie so viele Namibia-Urlauber, möglichst alles abklappern und 80% im Auto verbringen, sondern mich nur in der Nähe von Windhoek bewegen.  Hauptziel: ein paar schöne Leopardenfotos. Und die Afrikanische Luft auf dem Fahrrad in mich einsaugen. 

Gestern bei meiner Ankunft war hier eine für die Wüste (ich bin am Rand der Kalahari!)  seltsame Stimmung: Gewitter und heftige Regenfälle…  Verbunden mit stundenlangem Stromausfall und deswegen echtem Candlelight Dinner.  Beim Geräusch der Regentropfen auf mein Zimmerdach habe ich wie ein kleines Kind geschlafen und freue mich auf den Tag! 

Hier ein Foto von Ondekaremba, wo ich gerade bin, während einer Regenpause