Gerade hat es ein bisschen geregnet. Die Sonne geht in einer Stunde unter – die schönste Stimmung für einen kleinen Abendspaziergang. Ich taste mich vorsichtig durchs Gebüsch runter in das Trockenflussbett. Autsch! Schon wieder hat sich ne Dorne durch meine (eigentlich recht robuste) Schuhsohle bis in den Fuß gebohrt! Rausziehen und weiter. Drüben am anderen Ufer sehe ich ein seltenes Paar: ein Oryx und ein Gnu! Das letztere schnaubt zwar, aber beide machen keine Anstalten,  abzuhauen. Selbst als ich mich langsam näher ran taste nicht!

So stehen wir einige Minuten Face-to-face und schauen uns wortlos an. Die flachstehende Sonne zaubert eine herrlich klare Stimmung in das durch die teils verwitterten Bäume sowieso schon pittoreske Flussbett. 

Als die Sonne dann untergegangen ist, leuchtet der Himmel für kurze Zeit lila. Ein schöner letzter Abend auf Düsternbrook.

Das Fahrrad soll mal wieder bewegt werden – es wollte aber nicht und zeigte mir einen platten Hinterreifen. Ist ihm auch nicht zu verdenken, denn es gibt hier keine Gewächse ohne Dornen… weswegen es genauso wichtig war, den Reifen auf stachlige Hinterlassenschaften zu kontrollieren wie das Loch zu finden. Ich wollte mir mal die sechseinhalb Kilometer entfernten Hütten, die auch zur Lodge gehören, ansehen. Für die, die ganz unter sich sein möchten. Auf dem Weg dorthin hat mich ein Kudu fast einen Kilometer weit neben mir her springend begleitet. Die Impalaherde hat mein Anblick schneller vertrieben, als ich die Kamera zücken konnte. So blieb mir nur die Möglichkeit zum Selbstporträt vor imposanter Berg- und Gewitterkulisse. 

Die Chalets liegen sehr einsam einige Meter über einer nur spärlich bewachsenen Flusspfanne. 

Am Rückweg bog ich zum dem kleinen See/Damm mit den Hippos ab. Ich hätte die Abzweigung glatt übersehen, wären mir nicht gerade Steffi und Jonas entgegen gekommen. Die wollten ihre Drohne am Damm fliegen lassen. 

Nicht nur die beiden Franzosen, die gerade das Hippo Chalet bezogen hatten, auch die Hippos selbst konnten so gar nix mit dem surrenden Ding am Himmel anfangen. Die Hippos jedenfalls flohen entgeistert ins Wasser… 

Zum Abschluss des Tages wartete Namibia noch mit einem spektakulären Sonnenuntergang auf. Ich hatte vergessen, dass es nach Sonnenuntergängen meistens finster wird – in Afrika geschieht das recht schnell – so dass ich mich beeilen musste, in der Dämmerung mit dem Radl „nach Hause“  zu finden. 

Eines der Highlights hier in Düsternbrook sind die vier Geparden und zwei Leoparden. Die kann man bei den Fütterungen sehen und fotografieren. Das ist einer der Hauptmotivationen meiner Reise – schöne Leopardenfotos machen zu können. Denn in der freien Natur braucht es unglaublich viel Glück, die Tiere zu entdecken. Das war mir bisher leider nicht vergönnt… Der einzige Leopard, der mir (in Kenia) tagsüber begegnet ist, war schneller wieder weg, als ich meine Kamera zücken konnte. 

Die beiden Geparden verhielten sich während der Fütterung tatsächlich mehr wie Hauskatzen.

Vor den Leoparden haben die Guides mehr Respekt. Diese verhalten sich mitunter unberechenbar. Bei der Fütterung heute morgen hatten wir einen kleinen Herzstillstands-Moment, als Teddy auf einmal aufs Auto zusprang und uns anfauchte..  Er war sichtlich genervt von den vielen Fotos! 

Die Düsternbrook Farm ist die älteste Gästefarm in Namibia und noch heute im Deutschen Familienbesitz. Sie liegt sehr malerisch eingebettet am östlichen Anstieg des Khomas Hochlands, 50km nördlich von Windhoek. 

Schon der Blick von der Terrasse des Haupthauses ist Erholung pur 

Das zur Farm gehörige Land ist riesig. Zur Farm gehören wilde Tiere wie Oryx, Kudu, Eland, Giraffen und weitere Antilopenarten, aber auch Kühe und Hunde. Und natürlich der Stolz der Farm, zwei Geparden und zwei Leoparden. Diese werden zwar in Gehegen gehalten, welche aber jeweils 2 Hektar groß sind. Davon mehr in einem anderen Bericht. 

Ich bin im Dama Haus untergebracht, was eigentlich für eine ganze Familie gedacht ist. Sogar mit eigener Saeco Kaffeemaschine und Wintergarten mit Aussicht!  

Winter ist es hier gerade definitiv nicht, und so fühlt sich der Wintergarten eher an wie Gewächshaus…  Viel schöner ist es, am Pool oder an der Terrasse der Rezeption abzuhängen und es sich gut gehen zu lassen. 

Weil es hier definitiv schöner ist als in Windhoek, habe ich um einen Tag verlängert. Anstatt wieder an der Hauptstraße lang zurück zu radeln, werde ich lieber noch ein paar Oryxen und Kudus auf der Farm per Radl ‚Griasdi‘ zurufen. 

Leider gibt’s ja den direkten Weg über die Berge nicht (rote zu blaue Markierung) – also ging es erst mal mit dem Auto zurück nach Windhoek. 

Direkt an der B1, die von Windhoek nach Norden führt, sattelte ich wieder auf.  Ca. 30 km radelte ich entlang einer 4-spurigen Bundesstraße.  Platz ist hier ja genug, so dass ich den Seitenstreifen ganz für mich allein hatte. Nur die letzten sechs Kilometer vor dem Abzweig wurde es enger, weil Baustelle und nur zwei Spuren. Zwischendurch ein Hinweis, dass es wohl auch ehemalige Oberfranken gibt, die hier wohnen: Abzweig nach Döbra…

Die letzten 18 Kilometer waren wieder ungeteert und einiges anstrengender als auf der Hauptstraße. Dafür aber viel pittoresker, an den Bergen entlang und durch mehrere Farmen, die durch Kuhgitter und hohe Zäune voneinander getrennt sind. Kurz vor der Farm holten mich Evelyn und Eduard wieder ein, die ich schon auf der Leopard Lodge kennen gelernt hatte. Ohne die beiden hätte ich wohl die süße „Kleine“, die auf dem Foto hinter mir steht, gar nicht bemerkt… 

Hier waren zum Glück ein paar mehr Gäste, so dass ich kein schlechtes Gewissen zu haben brauchte, als ich mich gleich noch für die Leoparden- und Gepardenfütterung sowie für den Game Drive am gleichen Abend anmeldete. 

Eine Problem wollte ich gerne gelöst haben, bevor es wieder on the road geht: das nervige Schleifen meiner Taschen am Hinterrad. Der Gepäckträger musste irgendwie seitlich fixiert werden, damit er sich nicht mehr bei jeder Erschütterung dreht.  Und so sieht die afrikanisch inspirierte Lösung aus:

Der Rahmen würde mittels zwei auf die korrekte Länge geschnittene Stahlstreifen bis zum Gepäckträger verlängert. Diese mit Kabelbindern befestigt, so dass keine Seitwärtsbewegung mehr möglich war. Der Gepäckträger mit zwei weiteren Kabelbindern auf Zug in der Mitte justiert – passt, wackelt nicht und hält!!

Jetzt muss ich ein paar Tage zurück springen,  weil ich die letzten Tage zu faul gewesen bin…  So langsam komm ich in Urlaubsmodus! 

Hier auf der Leopard Lodge war ich fast zwei Tage der einzige Gast. Der für Abends geplante Game Drive wurde auf morgen verschoben, wenn die anderen Gäste kommen. Die kamen aber nicht, und man hat mich deutlich spüren lassen, dass die keine Lust haben, nur wegen mir allein auf Game Drive zu gehen. Morgen war aber schon Abreise, und ich wollte das Gelände gerne noch sehen. Die Wanderung frühmorgens führte durch die – zumeist trockenen – Flussläufe des Geländes. Die bestanden nicht nur aus Sand, sondern aus vielen tiefen Canyons! Total unerwartet, taten sich auf einmal Aussichten auf, die fast an den Antelope Canyon in USA erinnerten!  

Bei einem kleinen Spaziergang bekam ich sogar eine der beiden Hyänen doch noch vor die Linse.

Am Nachmittag kamen zwei weitere Gäste. Die wollten aber leider nicht mit zur Pirschfahrt, also blieb ich trotzdem allein. Endlich bekam ich eine paar der wohl ca. 100 Giraffen zu sehen. Und Paul, das 60-jährige über 4m lange Krokodil, das mit zwei jüngeren Gesellinnen in einem See nahe der Farm lebt und sehr zahm ist. 
Am nächsten Morgen wurde ich dann nach Windhoek gefahren. Denn der kurze Weg über die Berg zu meiner nächsten Lodge – Düsternbrook Farm – den mir Google maps empfohlen hatte, existiert nicht…. 

Oh man – bin ich froh, mir heute früh das Taxi gegönnt – und damit 20km und ca. 600hm gespart zu haben!  52 km waren noch zu fahren. Und ich kann definitiv sagen: 52km auf unbefestigter Straße sind anstrengender als auf geteerter. Noch dazu schien es ständig nur bergauf zu gehen. Und wenn’s mal flach war, war der Sand tief oder Wellblech oder beides und schon fühlt es sich doch wieder so an wie Steigung… Die ersten 25km hatte ich noch nen 12er Schnitt, dann ging’s massiv bergab. Mit dem Schnitt. Die Flussdurchquerung hab ich aber 1A bewältigt.

 Und hin und wieder mal ein Oryx aufzuscheuchen oder ne Herde Kudus neben mir übern Zaun springen zu sehen, macht es die Mühe allemal wett! Nach 6h hatte ich die Leopard Lodge erreicht.

 Hier gibt’s zwei zahme Hyänen (Fotos folgen morgen, ich hatte vorhin beim Lodgerundgang keine Kamera dabei),  Cheetahs/Geparden (noch nicht gesehen),  einen Luchs 

und sogar Krokodile, die man am Schwanz ziehen kann 😳… Und Giraffen, Kudus, Oryxe, Impala – die allerdings nicht zahm. Ich freue mich auf die zwei vollen Tage hier! Noch dazu, dass ich einen riesigen Luxury Room bekommen habe. 

 Am Fahrrad muss ich allerdings dringend was basteln, da jegliche Erschütterung (und davon gibt’s auf diesen Straßen einige!) den Gepäckträger verschiebt und dann die Taschen am Reifen rattern. Die Versteifungen der Taschen sind abgeknickt und verfangen sich in den Speichen – also wieder absteigen, gerade rücken..  Versaut nicht nur die Moral, sondern auch den Schnitt! Wie ich am Samstag zur nächsten Lodge komme, wird sowieso spannend. Denn die direkte Verbindung ist der Weg, den es wohl nur bei Google gibt… 

Heute stand nur eine kurze Etappe an – bis nach Windhoek, knapp 40 Kilometer. Gleich nach vielleicht 1km, noch auf dem Weg von der Lodge zurück zur Hauptstraße, hatte die erste ernstere Panne: ein Haken, der die Packtasche am Gepäckträger festhält, hat sich bei einem Rüttler wohl vom Gestell gelöst und sich in den Speichern verfangen. Gemerkt hab ich das erst, als mit einem Knall das Gummiband gerissen und kurz darauf die Kette runter gesprungen ist. Das Teil hat sich so zwischen Ritzel und Speichen geklemmt, dass der Freilauf blockiert war. Der Haken war ziemlich massiv und mit meinem kleinen Multitool nicht zu bewegen. Zum Glück waren 200m weiter an der Hauptstraße Bauarbeiter mit Hacke zugange, so konnte ich das Hinterrad ausbauen und die haben mir mit der Hacke das Teil vorsichtig aufgebogen, so dass ich es rausfummeln konnte.  Zum Glück nix weiter kaputt gegangen!

Die Straße nach Windhoek rein ist ganz schön hügelig und ich war auch konditionsmäßig nicht wirklich gut drauf (bin ja eh alles andere als ein Bergspezialist…). Der Gepäckträger ratterte immer wieder am Reifen, und obwohl die Steigungen wirklich nicht steil waren, ging mein Puls sofort auf 180. Erst die letzten 10  Kilometer ging’s beständig bergab. 3h hab ich für die ca. 35 km gebraucht, incl. Panne und Cokestop. 

Kaum dass ich in Windhoek an der Pension war, hat’s auch schon zu regnen angefangen. 

Zum Glück hab ich zu der Entscheidung, welche Route ich morgen fahre (Google schlägt zwei vor) noch mal mit der Leopard Lodge (mein morgiges Ziel) telefoniert. Denn eine der beiden Routen (die, die ich ansonsten wohl gefahren wäre, zunächst nach Norden und dann rechts weg) gibt’s nämlich gar nicht!!  

Also muss ich morgen den Berg, den ich runter gefahren bin, wieder rauf. Und weil ich dazu keine Lust habe ( ist an der Bundesstraße lang), lass ich mich bis zur Abzweigung, wo’s auf die Gravel Road geht, mit dem Taxi fahren 😊 – hab ja schließlich Urlaub 😎! 

Damit ich morgen auf den restlichen 50km nicht wieder so abkacke, habe ich eben meine Speicher noch mit Kohlenhydraten aufgefüllt. Die letzten beiden Tage gab’s eigentlich nur Fleisch..  

Während ich tippe, geht draußen ein Regenguß incl. Gewitter runter, wie ihn Namibia wohl schon länger nicht mehr gesehen hat… Gut für mich, denn morgen ist’s bestimmt wieder schön und auf nassem Sand fährt sich’s einfacher!  Selbst wenn der Strom wie an meinem ersten Abend wieder 5h weg sein sollte: ich freue mich mit den Namibiern über den Regen!

Bereits bei meiner allerersten Namibia-Reise 2008 bin ich auf die „Sonnleiten“ aufmerksam geworden.  Eine Wohngemeinschaft bzw. Altersheim auf dem Gelände der Ondekaremba Farm. Ich wollte mir das etwas näher ansehen. Könnte das – für mich als Kinderlose, die also im Alter keine eigene Familie haben würde – eine Alternative zum Alter in Deutschland sein,  wo ich schon jetzt den Winter nicht leiden kann? Wie ist das erst mit 70-80 Jahren, wenn man noch unsicherer auf den Beinen ist, durch Eis und Schnee laufen zu müssen?  

Ein kurzer Spaziergang durch das Ondekaremba Farmland, schon bin ich da, in der Sonnleiten Farm Residence. Der Property Manager – ein weißer Namibier – vertraut mich seinem Mitarbeiter Carlos für eine guided Tour durch das Gelände an. Was mir schon etwas komisch vorkommt ist, dass er mir eindringlich klar macht, das ich Carlos kein Wort glauben solle, wenn es um die zu verkaufenden Immobilien geht. Das wisse nur er selbst.  Erster Minuspunkt: herrisches Gehabe des Weißen gegen den Schwarzen! Carlos zeigt mir die verschiedenen Häuser,  small ones just for one person (die aber neben einer winzigen Wohnung in einem Münchner Altenheim immer noch wie ein Palast anmuten) und die großen mit eigenem Garten und Garage. Eine vielleicht 70-jährige Deutsche, die schon seit 20 Jahren in Namibia ist und seit 7 Jahren in der Sonnleiten wohnt, bittet mich herein, ich solle mich ruhig umsehen und Fotos machen. Sie ist für jede Abwechslung dankbar, wie sie sagt. Sogar die startenden und landenden Flugzeuge des nahen Flughafens mag sie, aus gleichem Grund. Es sei schon recht einsam hier, immer die gleichen Leute, weswegen sie zurück nach Windhoek möchte,  um nach dem Tod ihres Ehemanns wieder mehr Freunde in der Nähe zu haben. 

Unter den Bewohnern scheint es sich schon rumgesprochen zu haben,  dass da eine jüngere Deutsche ist, die sich für die Sonnleiten interessiert… Ein paar mal werde ich direkt angesprochen. Alle Bewohner, die ich getroffen haben, sprechen Deutsch. Mit Carlos unterhalten sie sich vielfach auf Afrikaans, einem Dialekt der niederländischen Buuren, die in Südafrika und Namibia gesiedelt haben. 

Es gibt eine Krankenstation (mit Preisliste für die möglichen Behandlungen), ein Restaurant für diejenigen, die nicht mehr selbst kochen können oder wollen,  eine Bibliothek, Pool und Gym sowie einen Wellnessraum, wo 1x pro Woche ein Friseur und Nagelstudio ihre Dienste anbieten. Zum Einkaufen muss man allerdings ins 30km entfernte Windhoek fahren,  noch nicht mal einen kleinen Laden gibt es. 

Die Anlage ist mit einem stromführenden Zaun umgeben und wird Tag und Nacht von Wachpersonal beaufsichtigt. Auf den nahe gelegenen Berg zu wandern (von welchem man bestimmt eine super Aussicht hätte) geht leider nicht. Der gehört zur benachbarten Farm, ist umzäunt – kein Zutritt. Leben im komfortablen Gefängnis?  Freigang ja, jederzeit,  aber nur auf dem eigenen, weitläufigen Gelände…

Viele Gedanken schießen mir auf dem Spaziergang zurück nach Ondekaremba durch den Kopf. Will ich wirklich so leben im Alter?  Was sind die Alternativen? In München in einer Mini-Wohnung leben?  Oder in Deutschland auf dem Land, wahrscheinlich weniger beengt als in der Stadt, dafür auch weniger Möglichkeiten, sich die Zeit zu vertreiben und das gleiche halbe Jahr Winter wie in der Stadt?  Oder doch gleich ganz weg?? 

Zum Glück bleibt mir noch genug Zeit bis dahin. Und ich fühle mich glücklich, dass ich wenn es soweit ist, zumindest die Möglichkeit haben werde, überhaupt zwischen verschiedenen Möglichkeiten zu wählen.